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Der Pärkler Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei. Nikos Kazantzakis I. Prolog.
Ein
Freund. Ein Freund rief mich vor
ein paar Tagen an, ob ich Lust hätte, mich mit ihm in der Stadt auf ein Bier zu
treffen. Er sei zufällig in der Gegend. Wir hatten uns schon eine Weile nicht
mehr gesehen und so musste ich nicht lange überlegen. Wir verabredeten uns um
17.45 Uhr im „Goldenen Kalb“. Franz, mein Freund, führt ein sehr strukturiertes
Leben, weshalb mich auch die Uhrzeit nicht wunderte. Wer verabredet sich schon
um Viertel vor.
Der Abend. Nach einer herzlichen
Begrüßung nahmen wir in einer ruhigen Ecke des Wirtshauses Platz, bestellten
zwei Stangen und tauschten uns zu Beginn, wie man das in unserem Alter so
macht, über unsere gegenwärtigen körperlichen Befindlichkeiten aus. Bref! Die
weiteren Diskussionen und Anekdötchen über lange zurückliegende Zeiten sind in
diesem Zusammenhang irrelevant. Der Abend ging feuchtfröhlich zu Ende. Wir
hatten uns bereits verabschiedet, als mir Franz mit den Worten, das könne mich
vielleicht interessieren, einen USB-Stick in die Hand drückte. Bevor ich noch
etwas sagen konnte, war er bereits in der grauen Novembernacht verschwunden.
Typisch Franz.
Der nächste Morgen. Am nächsten Morgen wachte
ich leicht verkatert auf, ging zu meinem Schreibtisch, sah den USB-Stick,
erinnerte mich, schloss ihn an meinem Computer an. Es erschien zu meinem
Erstaunen ein Polizeibericht oder -protokoll vom 18. Oktober 2024 über die
Ermordung eines Nichtsesshaften auf dem Bildschirm meines Laptops. Adressat war
mein Freund der Kriminalhauptkommissar Franz Tobler. Kriminalpolizeianwärterin
Petra Krause hatte Texte, die offenbar von dem Ermordeten stammten, aus dessen Notizheft
sowie ungeordnete, auf Papier, Kassenbons etc. geschriebene Notizen, kurze
Texte und Gedanken des Mordopfers digitalisiert. Also handelte es sich
naturgemäß um einen fragmentarischen Text. Auch schienen einige Seiten zu
fehlen. Vieles erschien mir nicht logisch, was für mich jedoch den Reiz des
Textes ausmachte. Zunächst konnte ich den Text nicht einordnen. Dann jedoch erinnerte
ich mich eines kurzen Artikels, den ich in der hiesigen überregionalen Zeitung
gelesen hatte. Ich habe mich entschlossen, diesen kurzen Text, den mir Franz überlassen
hatte, mit einigen Anmerkungen, die ich für notwendig erachte, zu
veröffentlichen.
II. Der
Pärkler. Der
Park. Ja, jetzt sitze ich hier.
Wieder hier. Wie oft habe ich hier gesessen? Jahre sind vergangen, seit ich das
letzte Mal hier auf dieser grün gestrichenen Bank meinen Gedanken nachhing …
und doch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alt bin ich geworden,
aber der Park ist immer noch gleich. Quadratisch. Jedenfalls fast quadratisch.
Ich schätze hundert mal hundert Meter. Die gleichen Bäume wie vor vierzig
Jahren. Ihnen sieht man nicht an, um wie viele Jahre sie gealtert sind. Das
Laub ist dichter geworden, im Gegensatz zu meinem Haar. Hatte ich in meiner
Jugend braune Haare? Es ist früh am Morgen. Ein bisschen kalt. Zu kalt für die
Jahreszeit würde es wohl im Fernsehwetterbericht heißen. Der Wetterbericht ist
wichtig. In diesem Land ist der Wetterbericht außerordentlich wichtig. Ich kann
mich an Zeiten erinnern, da begannen die Nachrichten mit dem Wetter und am Ende
der Nachrichten gab es nochmals eine Kurzfassung des Wetterberichtes o. u. Aber
den schaue ich mir schon lange nicht mehr an. Man sieht ja, wie das Wetter ist,
wenn man morgens aus dem Fenster schaut. Aber die Temperatur … Das ist so eine
Sache … Ich habe einmal in einer Stadt gewohnt. Ich glaube, es war L. Strahlend
blauer Himmel. Man hätte meinen können, im T-Shirt auf die Straße, aber dann
diese Bise. Die Leute, die neu in der Stadt waren, holten sich eine
Refroidissement, keine Grippe, sondern nur eine Erkältung. Heute habe ich mir
einen kleinen Luxus geleistet und mir einen Kaffee und ein Gipfeli in der
naheliegenden Bäckerei gekauft. Es ist sieben Uhr. Hier ist die Stadt noch
nicht richtig erwacht. Aber das Sonnenlicht bricht langsam durch die Baumkronen
und blendet mich. Ich muss meine empfindlichen Augen mit der Sonnenbrille
schützen. Die Decke, die auf meinen Knien liegt, kann ich, wenn es wärmer
geworden ist, wieder in den Rucksack packen. Ich bin immer mit meinem Rucksack
unterwegs. Wo sonst sollte ich die wichtigen Dinge, die ich immer bei mir zu haben
pflege, verstauen? Frauen, jede Frau hat mehrere, haben Handtaschen, die wohl
von Männern erfunden worden sind, weil sie so unpraktisch sind. Handtaschen
sind ein Mysterium. Zumindest für Männer. Sieben Bänke stehen in diesem Park.
Sieben nicht fünf oder acht. Nein sieben! Ich bin kein Zahlenmystiker. Weiss
Gott nicht. Aber dass es hier ausgerechnet sieben Bänke in einem nahezu perfekt
quadratisch ausgerichteten Park gibt …
Nun, den wenigsten Leuten fällt so etwas auf. Warum sollte es auch? Die
meisten hasten vorbei. Wichtigeres im Sinn. Oder auch nichts. Anfangs war mir
dieses Detail des geometrischen Ortes auch nicht aufgefallen. Wer zählt schon
die Bänke in einem Park? Die Bäume habe ich nie gezählt. Wozu auch? Baum ist
Baum. Ich kenne nicht einmal die Namen der Bäume, die hier stehen. Da zwei oder
drei der Bäume bereits Früchte tragen, kann ich diese als Kastanienbäume
identifizieren. Den meisten Bäumen habe ich im Laufe der Zeit, die ich hier
verbrachte, Namen gegeben. Männliche Namen. Ich weiß nicht warum. Es gibt männliche
und weibliche Bäume. Oder? Ich bin kein Biologe. Jedenfalls beginnen die Namen
mit P. Peter, Paul, Pascal, Philipp, Pierre, Patrick und natürlich heißt der
größte und stärkste Petrus, auf den Du[1] ja Deine Kirche bautest.
Aber das ist ein anderes Thema. Da mir nicht so viele Vornamen mit P
eingefallen sind, habe ich sie in meinem Kopf unterschiedlich geschrieben. So
gibt es einen Philip, einen Phillip und einen Philipp. Ebenso gibt es einen
Paul den Ersten, den Zweiten, den Dritten usf. Die
Bänke haben den hier üblichen grünen Normanstrich. Bänke im Park müssen grün
sein. Eine Bank muss sich der Umgebung anpassen. Eine rote Bank in einem grünen
Park würde stören. Ich glaube, es gibt nur grüne und rote Bänke in diesem Land.
Wo jedoch die roten Bänke stehen, weiß ich nicht, werde mein Augenmerk jedoch
darauf richten, wenn ich das nicht vergesse. Vielleicht gibt es da eine
Systematik. Im Wald jedoch stehen oft braune Bänke. Die Farbe Braun mag ich
nicht. Braune Kleidung steht mir nicht. Braun, besonders rostbraun lässt mich
kränklich aussehen. Wenn man die Zähne nicht putzt, werden diese braun. Über
Politik möchte ich mich nicht auslassen. Das ist ein anderes Thema. Davon
verstehe ich nichts. Und wie schon Luther sagte: Jede Herrschaft ist eine
gottgewollte. Manchmal sieht man eine weiße oder naturholzbelassene Bank, die
natürlich nicht naturbelassen worden ist, sondern nur den Eindruck erwecken
soll, dass dem so sei. Es gibt Bänke und Banken, aber das lass ich jetzt
einfach mal so stehen. Aber mich würde schon auch noch interessieren, ob es
Bänkeländer und/oder Bankenländer gibt. Für mich ist S ein typisches
Bankenland. Aber eigentlich gibt es hier seit kurzem nur noch eine Bank. Diese
Bank stiftet in letzter Zeit sehr viele Bänke. Wahrscheinlich damit darauf dann
die Männer und Frauen, die Menschen sitzen können, die die Bank entlassen
musste. Aber davon verstehe ich nichts. Die durchschnittliche geografische Höhe
des Platzes beträgt 440 Meter. Ich habe die Bänke, da jede ihren eigenen
Charakter hat, für mich durchnummeriert, d. h. nicht der geografischen, sondern
meiner persönlichen Ordnung nach. Die größte Gemeinsamkeit der Bänke besteht
darin, dass sie alle grün sind. Die Bänke eins und fünf bieten das ganze Jahr
über Schatten und Schutz.
Zeit
der Vorbeihetzenden. Jetzt
ist die Zeit der vorbeihastenden Leute. Zehn nach sieben beginnt die Rushhour.
Es gibt einen diagonalen Weg durch den Park, den man mit dem Fahrrad, Scooter
usf. befahren oder auch schnell zu Fuß schnell durchqueren kann. 60 % Fußgänger*innen,
30 % Fahrradfahrer*innen und 10 % Scooterfahrer*innen würde ich schätzen.
Natürlich kann ich mich aber auch irren. Ich habe die Parkdurchquerer*innen
nicht in genaue Kategorien eingeteilt. Aber wenn mich jemand fragen würde, ob
ich zu statistischen Zwecken … Warum nicht? In meinem Alter ist ein Zubrot bei
dieser kargen Rente noch so willkommen. Jedenfalls sind die meisten der den Parkdurcheilenden
Männer. Es gibt auch Frauen, aber deren Prozentzahl liegt meines Erachtens
unter 30 %. Aber auch da möchte ich mich nicht festlegen. Die Männer sind – ich
möchte eine Pauschalisierung vermeiden – aber … Nun, die Männer sind Business
massig gekleidet und staken, geschäftig marschierend, auf dem kürzesten
diagonalen Weg durch den Park. Diesbezüglich stehen ihnen die Buisnessfrauen um
nichts nach. Wobei … Ich finde es ein wenig unfair zu sagen, aber … Nein, auch
das ist nicht ganz richtig. Auch bei den Männern sehe ich, zu welcher Gruppe
der Mann in der hierarchischen Ordnung der Geschäftswelt gehört. Es ist nicht
nur die Kleidung. Davon lasse ich mich nicht täuschen. Es gibt Männer, die in
teuren Anzügen den Park durchqueren, aber ich sehe sofort: Dieser Mann ist
unbedeutend. Unbedeutend zu sein, keine Bedeutung zu haben, ist für diese
Männer, überhaupt für Männer, das Schlimmste, was man über sie sagen kann. Noch
schlimmer ist es, dass sie dies nicht einmal wissen und die meisten nicht
einmal etwas von ihrer Unbedeutendheit spüren.
Ja. Ja,
ich komme seit einiger Zeit wieder häufiger hier hin. In diesen Park. Beziehe
Stellung. Wer bezieht heute noch Stellung? Mal sitze ich auf der einen, mal auf
einer anderen Bank. Je nach Laune oder der jeweiligen Jahres-, Wochen-,
Tageszeit. Auch der Mond spielt eine Rolle. Ist Ihnen auch schon passiert, dass
Sie jemanden angesprochen haben und er/sie nur gelächelt und ja gesagt hat?
Aber das ist ein anderes Thema. Ja, ich …
Hundegassigeher*innen. Eine
sehr heterogene Gruppe, die den Park regelmäßig frequentiert, ist diejenige der
Hundegassigeher*innen. Manche haben den Park schon
verlassen, bevor ich meinen Platz dort auf der Bank Nummer drei bezogen habe.
Ich sehe dies an den feuchten Urinspuren. Feuchte Flecken an diversen Bäumen.
Die Bäume dienen den Hunden als Informationsaustauschstellen. Durch Schnüffeln
sind die Hunde in der Lage zu verifizieren, wer wann wo … Jedenfalls ist dies
ein urinales Busch- oder besser Baumtelefon. Ich habe das beobachtet, wenn die
Hunde nicht an der Leine geführt werden und sich frei im Park bewegen können,
dürfen … Jedenfalls hat jede*r seinen eigenen Lieblingsbaum, wo er einen langen
Strahl ablässt oder sie sich hingegen kauert. An den anderen Bäumen hinterlässt
er nur ein paar Tropfen, was sie unterlässt. Oder?
[1] Ich gehe davon aus, dass mit dem «Du» eine transzendentale Macht
gemeint ist – wahrscheinlich der katholisch-christliche Gott.
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