Ro­man­au­tor
Mi­cha­el Rei­fig

Über mich

Mi­cha­el Rei­fig, ge­bo­ren 1957 in Köln, lebt seit 2011 in Zü­rich und ist Grün­der und Lei­ter des Deutsch­stu­dio Zü­rich. Er ar­bei­tet als li­te­ra­ri­scher Päd­ago­ge, Au­tor und Kul­tur­ver­mitt­ler und ist seit vie­len Jah­ren in der Zür­cher Li­te­ra­tur­sze­ne ak­tiv.

Er stu­dier­te Ger­ma­ni­stik, Phi­lo­so­phie so­wie Thea­ter‑, Film‑ und Fern­seh­wis­sen­schaf­ten in Köln und Zü­rich und schloss mit ei­nem Ma­ster­ab­schluss in Ger­ma­ni­stik und Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Fri­bourg ab. Von 2003 bis 2011 un­ter­rich­te­te er als Deutsch­leh­rer in der Ro­man­die, be­vor er das Deutsch­stu­dio grün­de­te.

Ein be­son­de­rer Schwer­punkt sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit liegt auf dem Schrift­stel­ler Wolf von Nie­bel­schütz. Rei­fig ver­fass­te die er­ste li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­die zu des­sen Werk und er­öff­ne­te da­mit ein For­schungs­feld, das zu­vor nicht exi­stier­te. Tei­le die­ser Ar­beit wur­den spä­ter in ei­nem wis­sen­schaft­li­chen Sam­mel­band auf­ge­grif­fen.

Ne­ben sei­ner päd­ago­gi­schen Tä­tig­keit ist Rei­fig als Schrift­stel­ler tä­tig. Sein Ro­man „Die Ra­che der Tau­ben“ wur­de ver­öf­fent­licht und mar­kiert ei­nen wich­ti­gen Punkt sei­ner li­te­ra­ri­schen Ar­beit. Ak­tu­ell ar­bei­tet er an neu­en Pro­jek­ten, dar­un­ter dem Ro­man „Der Pärk­ler“, den er für die Ver­öf­fent­li­chung vor­be­rei­tet.

Vor sei­ner li­te­ra­ri­schen Lauf­bahn war Rei­fig als Ma­ler tä­tig und stell­te sei­ne Ar­bei­ten in der Schweiz und im Aus­land aus. Die­se künst­le­ri­sche Er­fah­rung prägt bis heu­te sei­ne äs­the­ti­sche Hal­tung und sein Ver­ständ­nis von Form, Raum und Wahr­neh­mung.

Sei­ne Ar­beit ver­bin­det li­te­ra­ri­sche Prä­zi­si­on, psy­cho­lo­gi­sche Fein­heit und ei­ne kla­re, un­auf­ge­reg­te Spra­che. In sei­nen Pro­jek­ten wie auch im Un­ter­richt legt er Wert auf re­flek­tier­te Ent­wick­lung, mo­ti­fori­en­tier­tes Ar­bei­ten und ei­ne prä­zi­se, dia­lo­gi­sche Ver­mitt­lung.

Bio­gra­fi­sche Brücke zwi­schen frü­her Kunst und spä­te­rer Li­te­ra­tur

Mi­cha­el Rei­figs frü­he künst­le­ri­sche Ar­beit in den spä­ten 1980er und frü­hen 1990er Jah­ren bil­det den äs­the­ti­schen Ur­sprung sei­ner spä­te­ren li­te­ra­ri­schen Hal­tung. In die­ser Pha­se ent­wickel­te er ei­ne kla­re, kon­struk­ti­ve For­men­spra­che, die auf Trans­pa­renz, geo­me­tri­scher Ord­nung und ei­ner as­ke­ti­schen Re­duk­ti­on be­ruh­te. Die Ver­wen­dung von Kunst­stoff­folie als Bild­trä­ger er­öff­ne­te ihm ei­nen Raum, in dem Ma­te­ri­al, Far­be und Struk­tur nicht de­ko­ra­tiv, son­dern kon­zep­tu­ell ge­dacht wur­den. Wer­ke wie Am An­fang blau mar­kie­ren den Kul­mi­na­ti­ons­punkt die­ser Ent­wick­lung und zei­gen ei­ne prä­zi­se, phi­lo­so­phisch grun­dier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Wahr­neh­mung und Raum.

Die­se äs­the­ti­sche Hal­tung setzt sich in Rei­figs li­te­ra­ri­scher Ar­beit fort. Die Stren­ge und Klar­heit sei­ner frü­hen Bild­spra­che fin­den ihr Echo in ei­ner Pro­sa, die mit re­du­zier­ten Mit­teln ar­bei­tet, auf mo­ti­vi­sche Kon­zen­tra­ti­on setzt und Räu­me eben­so be­wusst ge­stal­tet wie Be­zie­hun­gen zwi­schen Fi­gu­ren. Die Trans­pa­renz des Ma­te­ri­als wird zur Trans­pa­renz der Stim­me; die geo­me­tri­sche Ord­nung der Bil­der ver­wan­delt sich in ei­ne struk­tu­rel­le Prä­zi­si­on des Tex­tes. Rei­figs Li­te­ra­tur ver­zich­tet auf nar­ra­ti­ve Über­fül­le und ver­traut auf die Kraft des We­ni­gen — ei­ne Hal­tung, die aus sei­ner frü­hen künst­le­ri­schen Pra­xis her­vor­ge­gan­gen ist und sie mit an­de­ren Mit­teln wei­ter­führt.

So ent­steht ei­ne durch­ge­hen­de Li­nie zwi­schen den bei­den Werk­pha­sen: Die frü­he Kunst bil­det nicht nur den äs­the­ti­schen Hin­ter­grund, son­dern den in­ne­ren Kern sei­ner spä­te­ren li­te­ra­ri­schen Ar­beit.







Ein­zel­aus­stel­lun­gen

  • 1982 – Li­be­ra­les Zen­trum, Köln
  • 1988 – Pia­no Bar, Win­ter­thur
  • 1990 – Kunst­hal­le St. Mo­ritz
  • 1991 – Ga­le­rie du Re­lais, Hor­gen
  • 1994 – Kunst­samm­lung Stef­fis­burg, Vil­la Schüp­bach Crip­pa / Rei­fig – Ge­mein­schafts­aus­stel­lung

Grup­pen­aus­stel­lun­gen

  • 1983 – Kie­ler Kunst­wo­chen
  • 1984 – Ga­le­rie d’Art He­li­an, Mon­treux
  • 1987 – Eu­lach­hal­le, Win­ter­thur
  • 1989 – Art Ex­po­si­ti­on Inc., Wa­shing­ton D.C.
  • 1992 – Ga­le­rie Win­degg, He­ri­sau

Mein neu­er Ro­man: Der Pärk­ler

Der Pärk­ler

Ich er­hof­fe nichts. Ich fürch­te nichts. Ich bin frei.

Ni­kos Ka­za­nt­z­akis

I.

Pro­log.


Ein Freund.

Ein Freund rief mich vor ein paar Ta­gen an, ob ich Lust hät­te, mich mit ihm in der Stadt auf ein Bier zu tref­fen. Er sei zu­fäl­lig in der Ge­gend. Wir hat­ten uns schon ei­ne Wei­le nicht mehr ge­se­hen und so muss­te ich nicht lan­ge über­le­gen. Wir ver­ab­re­de­ten uns um 17.45 Uhr im „Gol­de­nen Kalb“. Franz, mein Freund, führt ein sehr struk­tu­rier­tes Le­ben, wes­halb mich auch die Uhr­zeit nicht wun­der­te. Wer ver­ab­re­det sich schon um Vier­tel vor.


Der Abend.

Nach ei­ner herz­li­chen Be­grü­ßung nah­men wir in ei­ner ru­hi­gen Ecke des Wirts­hau­ses Platz, be­stell­ten zwei Stan­gen und tausch­ten uns zu Be­ginn, wie man das in un­se­rem Al­ter so macht, über un­se­re ge­gen­wär­ti­gen kör­per­li­chen Be­find­lich­kei­ten aus. Bref! Die wei­te­ren Dis­kus­sio­nen und An­ek­döt­chen über lan­ge zu­rück­lie­gen­de Zei­ten sind in die­sem Zu­sam­men­hang ir­rele­vant. Der Abend ging feucht­fröh­lich zu En­de. Wir hat­ten uns be­reits ver­ab­schie­det, als mir Franz mit den Wor­ten, das kön­ne mich viel­leicht in­ter­es­sie­ren, ei­nen USB-Stick in die Hand drück­te. Be­vor ich noch et­was sa­gen konn­te, war er be­reits in der grau­en No­vem­ber­nacht ver­schwun­den. Ty­pisch Franz.


Der näch­ste Mor­gen.

Am näch­sten Mor­gen wach­te ich leicht ver­ka­tert auf, ging zu mei­nem Schreib­tisch, sah den USB-Stick, er­in­ner­te mich, schloss ihn an mei­nem Com­pu­ter an. Es er­schien zu mei­nem Er­stau­nen ein Po­li­zei­be­richt oder -pro­to­koll vom 18. Ok­to­ber 2024 über die Er­mor­dung ei­nes Nicht­sess­haf­ten auf dem Bild­schirm mei­nes Lap­tops. Adres­sat war mein Freund der Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Franz To­bler. Kri­mi­nal­po­li­zei­an­wär­te­rin Pe­tra Krau­se hat­te Tex­te, die of­fen­bar von dem Er­mor­de­ten stamm­ten, aus des­sen No­tiz­heft so­wie un­ge­ord­ne­te, auf Pa­pier, Kas­sen­bons etc. ge­schrie­be­ne No­ti­zen, kur­ze Tex­te und Ge­dan­ken des Mord­op­fers di­gi­ta­li­siert. Al­so han­del­te es sich na­tur­ge­mäß um ei­nen frag­men­ta­ri­schen Text. Auch schie­nen ei­ni­ge Sei­ten zu feh­len. Vie­les er­schien mir nicht lo­gisch, was für mich je­doch den Reiz des Tex­tes aus­mach­te. Zu­nächst konn­te ich den Text nicht ein­ord­nen. Dann je­doch er­in­ner­te ich mich ei­nes kur­zen Ar­ti­kels, den ich in der hie­si­gen über­re­gio­na­len Zei­tung ge­le­sen hat­te. Ich ha­be mich ent­schlos­sen, die­sen kur­zen Text, den mir Franz über­las­sen hat­te, mit ei­ni­gen An­mer­kun­gen, die ich für not­wen­dig er­ach­te, zu ver­öf­fent­li­chen.


II.

Der Pärk­ler.

Der Park.

Ja, jetzt sit­ze ich hier. Wie­der hier. Wie oft ha­be ich hier ge­ses­sen? Jah­re sind ver­gan­gen, seit ich das letz­te Mal hier auf die­ser grün ge­stri­che­nen Bank mei­nen Ge­dan­ken nach­hing … und doch hier scheint die Zeit ste­hen ge­blie­ben zu sein. Alt bin ich ge­wor­den, aber der Park ist im­mer noch gleich. Qua­dra­tisch. Je­den­falls fast qua­dra­tisch. Ich schät­ze hun­dert mal hun­dert Me­ter. Die glei­chen Bäu­me wie vor vier­zig Jah­ren. Ih­nen sieht man nicht an, um wie vie­le Jah­re sie ge­al­tert sind. Das Laub ist dich­ter ge­wor­den, im Ge­gen­satz zu mei­nem Haar. Hat­te ich in mei­ner Ju­gend brau­ne Haa­re? Es ist früh am Mor­gen. Ein biss­chen kalt. Zu kalt für die Jah­res­zeit wür­de es wohl im Fern­seh­wet­ter­be­richt hei­ßen. Der Wet­ter­be­richt ist wich­tig. In die­sem Land ist der Wet­ter­be­richt au­ßer­or­dent­lich wich­tig. Ich kann mich an Zei­ten er­in­nern, da be­gan­nen die Nach­rich­ten mit dem Wet­ter und am En­de der Nach­rich­ten gab es noch­mals ei­ne Kurz­fas­sung des Wet­ter­be­rich­tes o. u. Aber den schaue ich mir schon lan­ge nicht mehr an. Man sieht ja, wie das Wet­ter ist, wenn man mor­gens aus dem Fen­ster schaut. Aber die Tem­pe­ra­tur … Das ist so ei­ne Sa­che … Ich ha­be ein­mal in ei­ner Stadt ge­wohnt. Ich glau­be, es war L. Strah­lend blau­er Him­mel. Man hät­te mei­nen kön­nen, im T-Shirt auf die Stra­ße, aber dann die­se Bi­se. Die Leu­te, die neu in der Stadt wa­ren, hol­ten sich ei­ne Re­f­ro­idis­se­ment, kei­ne Grip­pe, son­dern nur ei­ne Er­käl­tung. Heu­te ha­be ich mir ei­nen klei­nen Lu­xus ge­lei­stet und mir ei­nen Kaf­fee und ein Gip­fe­li in der na­he­lie­gen­den Bäcke­rei ge­kauft. Es ist sie­ben Uhr. Hier ist die Stadt noch nicht rich­tig er­wacht. Aber das Son­nen­licht bricht lang­sam durch die Baum­kro­nen und blen­det mich. Ich muss mei­ne emp­find­li­chen Au­gen mit der Son­nen­bril­le schüt­zen. Die Decke, die auf mei­nen Knien liegt, kann ich, wenn es wär­mer ge­wor­den ist, wie­der in den Ruck­sack packen. Ich bin im­mer mit mei­nem Ruck­sack un­ter­wegs. Wo sonst soll­te ich die wich­ti­gen Din­ge, die ich im­mer bei mir zu ha­ben pfle­ge, ver­stau­en? Frau­en, je­de Frau hat meh­re­re, ha­ben Hand­ta­schen, die wohl von Män­nern er­fun­den wor­den sind, weil sie so un­prak­tisch sind. Hand­ta­schen sind ein My­ste­ri­um. Zu­min­dest für Män­ner. Sie­ben Bän­ke ste­hen in die­sem Park. Sie­ben nicht fünf oder acht. Nein sie­ben! Ich bin kein Zah­len­my­sti­ker. Weiss Gott nicht. Aber dass es hier aus­ge­rech­net sie­ben Bän­ke in ei­nem na­he­zu per­fekt qua­dra­tisch aus­ge­rich­te­ten Park gibt …  Nun, den we­nig­sten Leu­ten fällt so et­was auf. War­um soll­te es auch? Die mei­sten ha­sten vor­bei. Wich­ti­ge­res im Sinn. Oder auch nichts. An­fangs war mir die­ses De­tail des geo­me­tri­schen Or­tes auch nicht auf­ge­fal­len. Wer zählt schon die Bän­ke in ei­nem Park? Die Bäu­me ha­be ich nie ge­zählt. Wo­zu auch? Baum ist Baum. Ich ken­ne nicht ein­mal die Na­men der Bäu­me, die hier ste­hen. Da zwei oder drei der Bäu­me be­reits Früch­te tra­gen, kann ich die­se als Ka­sta­ni­en­bäu­me iden­ti­fi­zie­ren. Den mei­sten Bäu­men ha­be ich im Lau­fe der Zeit, die ich hier ver­brach­te, Na­men ge­ge­ben. Männ­li­che Na­men. Ich weiß nicht war­um. Es gibt männ­li­che und weib­li­che Bäu­me. Oder? Ich bin kein Bio­lo­ge. Je­den­falls be­gin­nen die Na­men mit P. Pe­ter, Paul, Pas­cal, Phil­ipp, Pier­re, Pa­trick und na­tür­lich heißt der größ­te und stärk­ste Pe­trus, auf den Du[1] ja Dei­ne Kir­che bau­test. Aber das ist ein an­de­res The­ma. Da mir nicht so vie­le Vor­na­men mit P ein­ge­fal­len sind, ha­be ich sie in mei­nem Kopf un­ter­schied­lich ge­schrie­ben. So gibt es ei­nen Phi­lip, ei­nen Phil­lip und ei­nen Phil­ipp. Eben­so gibt es ei­nen Paul den Er­sten, den Zwei­ten, den Drit­ten usf. Die Bän­ke ha­ben den hier üb­li­chen grü­nen Norm­an­strich. Bän­ke im Park müs­sen grün sein. Ei­ne Bank muss sich der Um­ge­bung an­pas­sen. Ei­ne ro­te Bank in ei­nem grü­nen Park wür­de stö­ren. Ich glau­be, es gibt nur grü­ne und ro­te Bän­ke in die­sem Land. Wo je­doch die ro­ten Bän­ke ste­hen, weiß ich nicht, wer­de mein Au­gen­merk je­doch dar­auf rich­ten, wenn ich das nicht ver­ges­se. Viel­leicht gibt es da ei­ne Sy­ste­ma­tik. Im Wald je­doch ste­hen oft brau­ne Bän­ke. Die Far­be Braun mag ich nicht. Brau­ne Klei­dung steht mir nicht. Braun, be­son­ders rost­braun lässt mich kränk­lich aus­se­hen. Wenn man die Zäh­ne nicht putzt, wer­den die­se braun. Über Po­li­tik möch­te ich mich nicht aus­las­sen. Das ist ein an­de­res The­ma. Da­von ver­ste­he ich nichts. Und wie schon Lu­ther sag­te: Je­de Herr­schaft ist ei­ne gott­ge­woll­te. Manch­mal sieht man ei­ne wei­ße oder na­tur­holz­be­las­se­ne Bank, die na­tür­lich nicht na­tur­be­las­sen wor­den ist, son­dern nur den Ein­druck er­wecken soll, dass dem so sei. Es gibt Bän­ke und Ban­ken, aber das lass ich jetzt ein­fach mal so ste­hen. Aber mich wür­de schon auch noch in­ter­es­sie­ren, ob es Bän­kelän­der und/oder Banken­län­der gibt. Für mich ist S ein ty­pi­sches Ban­ken­land. Aber ei­gent­lich gibt es hier seit kur­zem nur noch ei­ne Bank. Die­se Bank stif­tet in letz­ter Zeit sehr vie­le Bän­ke. Wahr­schein­lich da­mit dar­auf dann die Män­ner und Frau­en, die Men­schen sit­zen kön­nen, die die Bank ent­las­sen muss­te. Aber da­von ver­ste­he ich nichts. Die durch­schnitt­li­che geo­gra­fi­sche Hö­he des Plat­zes be­trägt 440 Me­ter. Ich ha­be die Bän­ke, da je­de ih­ren ei­ge­nen Cha­rak­ter hat, für mich durch­num­me­riert, d. h. nicht der geo­gra­fi­schen, son­dern mei­ner per­sön­li­chen Ord­nung nach. Die größ­te Ge­mein­sam­keit der Bän­ke be­steht dar­in, dass sie al­le grün sind. Die Bän­ke eins und fünf bie­ten das gan­ze Jahr über Schat­ten und Schutz.


Zeit der Vor­bei­het­zen­den.

Jetzt ist die Zeit der vor­bei­ha­sten­den Leu­te. Zehn nach sie­ben be­ginnt die Rush­hour. Es gibt ei­nen dia­go­na­len Weg durch den Park, den man mit dem Fahr­rad, Scoo­ter usf. be­fah­ren oder auch schnell zu Fuß schnell durch­que­ren kann. 60 % Fuß­gän­ger*in­nen, 30 % Fahr­rad­fah­rer*in­nen und 10 % Scoo­ter­fah­rer*in­nen wür­de ich schät­zen. Na­tür­lich kann ich mich aber auch ir­ren. Ich ha­be die Park­durch­que­rer*in­nen nicht in ge­naue Ka­te­go­ri­en ein­ge­teilt. Aber wenn mich je­mand fra­gen wür­de, ob ich zu sta­ti­sti­schen Zwecken … War­um nicht? In mei­nem Al­ter ist ein Zu­brot bei die­ser kar­gen Ren­te noch so will­kom­men. Je­den­falls sind die mei­sten der den Park­durch­ei­len­den Män­ner. Es gibt auch Frau­en, aber de­ren Pro­zent­zahl liegt mei­nes Er­ach­tens un­ter 30 %. Aber auch da möch­te ich mich nicht fest­le­gen. Die Män­ner sind – ich möch­te ei­ne Pau­scha­li­sie­rung ver­mei­den – aber … Nun, die Män­ner sind Busi­ness mas­sig ge­klei­det und sta­ken, ge­schäf­tig mar­schie­rend, auf dem kür­ze­sten dia­go­na­len Weg durch den Park. Dies­be­züg­lich ste­hen ih­nen die Buis­ness­frau­en um nichts nach. Wo­bei … Ich fin­de es ein we­nig un­fair zu sa­gen, aber … Nein, auch das ist nicht ganz rich­tig. Auch bei den Män­nern se­he ich, zu wel­cher Grup­pe der Mann in der hier­ar­chi­schen Ord­nung der Ge­schäfts­welt ge­hört. Es ist nicht nur die Klei­dung. Da­von las­se ich mich nicht täu­schen. Es gibt Män­ner, die in teu­ren An­zü­gen den Park durch­que­ren, aber ich se­he so­fort: Die­ser Mann ist un­be­deu­tend. Un­be­deu­tend zu sein, kei­ne Be­deu­tung zu ha­ben, ist für die­se Män­ner, über­haupt für Män­ner, das Schlimm­ste, was man über sie sa­gen kann. Noch schlim­mer ist es, dass sie dies nicht ein­mal wis­sen und die mei­sten nicht ein­mal et­was von ih­rer Un­be­deu­tend­heit spü­ren.


Ja.

Ja, ich kom­me seit ei­ni­ger Zeit wie­der häu­fi­ger hier hin. In die­sen Park. Be­zie­he Stel­lung. Wer be­zieht heu­te noch Stel­lung? Mal sit­ze ich auf der ei­nen, mal auf ei­ner an­de­ren Bank. Je nach Lau­ne oder der je­wei­li­gen Jah­res-, Wo­chen-, Ta­ges­zeit. Auch der Mond spielt ei­ne Rol­le. Ist Ih­nen auch schon pas­siert, dass Sie je­man­den an­ge­spro­chen ha­ben und er/sie nur ge­lä­chelt und ja ge­sagt hat? Aber das ist ein an­de­res The­ma. Ja, ich …


Hun­de­gas­si­ge­her*in­nen.

Ei­ne sehr he­te­ro­ge­ne Grup­pe, die den Park re­gel­mä­ßig fre­quen­tiert, ist die­je­ni­ge der Hun­de­gas­si­ge­her*in­nen. Man­che ha­ben den Park schon ver­las­sen, be­vor ich mei­nen Platz dort auf der Bank Num­mer drei be­zo­gen ha­be. Ich se­he dies an den feuch­ten Ur­inspu­ren. Feuch­te Flecken an di­ver­sen Bäu­men. Die Bäu­me die­nen den Hun­den als In­for­ma­ti­ons­aus­tausch­stel­len. Durch Schnüf­feln sind die Hun­de in der La­ge zu ve­ri­fi­zie­ren, wer wann wo … Je­den­falls ist dies ein uri­na­les Busch- oder bes­ser Baum­te­le­fon. Ich ha­be das be­ob­ach­tet, wenn die Hun­de nicht an der Lei­ne ge­führt wer­den und sich frei im Park be­we­gen kön­nen, dür­fen … Je­den­falls hat je­de*r sei­nen ei­ge­nen Lieb­lings­baum, wo er ei­nen lan­gen Strahl ab­lässt oder sie sich hin­ge­gen kau­ert. An den an­de­ren Bäu­men hin­ter­lässt er nur ein paar Trop­fen, was sie un­ter­lässt. Oder?


[1] Ich ge­he da­von aus, dass mit dem «Du» ei­ne tran­szen­den­ta­le Macht ge­meint ist – wahr­schein­lich der ka­tho­lisch-christ­li­che Gott.



Die Tau­ben zie­hen ih­re Krei­se

Ich freue mich, dass Charles Lins­may­er über mich ge­schrie­ben und mit Kaf­ka und Da­niil Charms ver­gli­chen hat.
https://www.msn.com/de-ch/nach­rich­ten/other/die-ra­che-der-tau­ben/ar-BB1igyXh

Die Ra­che der Tau­ben

Ro­man von Mi­cha­el Rei­fig

Die Rache der Tauben Buch

Die Ra­che der Tau­ben ist in der edi­ti­on how­eg er­schie­nen und für den Ro­bert Wal­ser-Preis vor­ge­schla­gen.

A*dS, Au­to­rin­nen und Au­to­ren der Schweiz.

Ich freue mich, dass ich seit ge­stern of­fi­zi­el­les A*dS, Au­to­rin­nen und Au­to­ren der Schweiz, Mit­glied bin.

Aus­zug aus dem Buch

Die Wahl zwi­schen zwei Eisaro­men oder wer die Wahl hat, hat die Qual

Wie lan­ge woll­te ich noch le­ben? Nie hat­te ich ge­dacht, so alt zu wer­den, wie ich jetzt schon war. Im­mer woll­te ich von ei­ge­ner Hand ster­ben. Aber wann war der rich­ti­ge Zeit­punkt? Mir ging es ja nicht schlecht. Aber ging es mir gut? War der jet­zi­ge Zu­stand mehr oder we­ni­ger ak­zep­ta­bel? Nein, konn­te ich ak­zep­tie­ren, wie es jetzt war? Wür­de ich in der mir noch ver­blei­ben­den Zeit mei­nes Le­bens ir­gend­et­was Er­wäh­nens­wer­tes ver­pas­sen? Was woll­te ich noch ger­ne er­le­ben? Was war mit mei­nen be­schei­de­nen fi­nan­zi­el­len Mit­teln mög­lich? Nie bin ich ein Ma­te­ria­list ge­we­sen. Aber jetzt im Al­ter? Was blieb? Ich hat­te die Frei­heit der Ent­schei­dung. Die letz­te und ein­zi­ge Frei­heit. Ich hat­te mei­ne Zu­kunft und de­ren En­de in der Hand – un­ab­hän­gig und al­lein wie ich war. Ich kam mir vor wie ein Kind in der Eis­die­le. Ich stell­te mir die Fra­ge: Wel­ches Eis woll­te ich? Bei Va­nil­le oder Scho­ko­la­de fiel mir die Wahl schwer. Bei Va­nil­le/Scho­ko­la­de oder Ba­na­ne war der Fall klar.

Le­sen Sie hier ei­nen wei­te­ren Aus­zug aus dem Buch

Über den Au­tor

Mi­cha­el Rei­fig wur­de am 21.9.1957 in Köln ge­bo­ren. Nach dem Ab­itur lei­ste­te er in Deutsch­land 18 Mo­na­te Zi­vil­dienst und stu­dier­te an­schlies­send an der Uni­ver­si­tät zu Köln Ger­ma­ni­stik, Phi­lo­so­phie und Thea­ter-, Film-Fern­seh­wis­sen­schaf­ten, um dann 1982 nach dem Ab­schluss der Zwi­schen­prü­fung in die Schweiz, Win­ter­thur, zu zie­hen.

Er setz­te sein Stu­di­um in Zü­rich fort, wid­me­te sich aber in er­ster Li­nie der Ma­le­rei und hat­te zahl­rei­che Aus­stel­lun­gen im In- und Aus­land.

En­de 1996 nahm er das Stu­di­um der Ger­ma­ni­stik und Phi­lo­so­phie wie­der auf und schloss die­ses mit dem Ma­ster­ti­tel ab.

2011 zog er nach Zü­rich, grün­de­te das Deutsch­stu­dio und ar­bei­tet seit­her selbst­stän­dig als Deutsch­trai­ner, Lek­tor, Do­zent.

Buch­merk­ma­le

Sei­ten149
Grös­se150 x 210 mm
StilFa­den­hef­tung, Klap­pen­bro­schur
Ex­em­pla­re300, si­gniert
PreisCHF 34.- / € 34.–  
ISBN978-3-85736-385-6


Zu be­zie­hen bei Edi­ti­on How­eg oder di­rekt beim Au­tor:

Edi­ti­on How­egMi­cha­el Rei­fig
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