Ro­man­au­tor
Mi­cha­el Rei­fig

Mein neu­er Ro­man heisst: Der Pärk­ler

Der Pärk­ler

Ich er­hof­fe nichts. Ich fürch­te nichts. Ich bin frei. Ni­kos Ka­za­nt­z­akis


I.

Pro­log.


Ein Freund.

Ein Freund rief mich vor ein paar Ta­gen an, ob ich Lust hät­te, mich mit ihm in der Stadt auf ein Bier zu tref­fen. Er sei zu­fäl­lig in der Ge­gend. Wir hat­ten uns schon ei­ne Wei­le nicht mehr ge­se­hen und so muss­te ich nicht lan­ge über­le­gen. Wir ver­ab­re­de­ten uns um 17.45 Uhr im „Gol­de­nen Kalb“. Franz, mein Freund, führt ein sehr struk­tu­rier­tes Le­ben, wes­halb mich auch die Uhr­zeit nicht wun­der­te. Wer ver­ab­re­det sich schon um Vier­tel vor?

Der Abend.

Nach ei­ner herz­li­chen Be­grü­ßung nah­men wir in ei­ner ru­hi­gen Ecke des Wirts­au­ses Platz, be­stell­ten zwei Stan­gen, und tausch­ten uns zu Be­ginn, wie man das in un­se­rem Al­ter so macht, über un­se­re ge­gen­wär­ti­gen kör­per­li­chen Be­find­lich­kei­ten aus. Bref! Die wei­te­ren Dis­kus­sio­nen und An­ek­döt­chen, aus lan­ge zu­rück­lie­gen­den Zei­ten, sind in die­sem Zu­sam­men­hang ir­rele­vant. Der Abend ging feucht­fröh­lich zu En­de. Wir hat­ten uns be­reits ver­ab­schie­det, als mir Franz mit den Wor­ten, das kön­ne mich viel­leicht in­ter­es­sie­ren, ei­nen USB-Stick über­reich­te, wünsch­te mir noch al­les Gu­te und bis zum näch­sten Mal. Be­vor ich noch et­was sa­gen konn­te, war er be­reits in der grau­en No­vem­ber­nacht ver­schwun­den. Ty­pisch Franz.

Der näch­ste Mor­gen.

Am näch­sten Mor­gen wach­te ich leicht ver­ka­tert auf, ging zu mei­nem Schreib­tisch, sah den USB-Stick, er­in­ner­te mich, schloss ihn an mei­nem Com­pu­ter an und las mit leich­tem Er­stau­nen den er­schei­nen­den Text. Es schie­nen ei­ni­ge Sei­ten zu feh­len. Ei­ni­ges er­schien mir nicht lo­gisch, was für mich je­doch den Reiz des Tex­tes aus­mach­te. Zu­nächst konn­te ich den Text nicht ein­ord­nen. Dann je­doch er­in­ner­te ich mich ei­nes kur­zen Ar­ti­kels, den ich in der hie­si­gen über­re­gio­na­len Zei­tung ge­le­sen hat­te. Ich ha­be mich ent­schlos­sen die­sen kur­zen Text, den mir Franz über­las­sen hat­te, mit ei­ni­gen An­mer­kun­gen, die ich für not­wen­dig er­ach­te, zu ver­öf­fent­li­chen, oh­ne zu sehr ein­ge­grif­fen zu ha­ben.


II.

Der Pärk­ler.

Der Park.

Ja, jetzt sit­ze ich hier. Wie­der hier. Wie oft ha­be ich hier ge­ses­sen? Jah­re sind ver­gan­gen, seit ich das letz­te Mal hier auf die­ser grün ge­stri­che­nen Bank mei­nen Ge­dan­ken nach­hing … und doch hier scheint die Zeit, ste­hen­ge­blie­ben zu sein. Alt bin ich ge­wor­den, aber der Park ist im­mer noch gleich. Qua­dra­tisch. Je­den­falls fast qua­dra­tisch. Ich schät­ze hun­dert mal hun­dert Me­ter. Die glei­chen Bäu­me wie vor vier­zig Jah­ren. Ih­nen sieht man nicht an, um wie vie­le Jah­re sie ge­al­tert sind. Das Laub ist dich­ter ge­wor­den, im Ge­gen­satz zu mei­nem Haar. Hat­te ich in mei­ner Ju­gend brau­ne Haa­re? Es ist früh am Mor­gen. Ein biss­chen kalt. Zu kalt für die Jah­res­zeit wür­de es wohl im Fern­seh­wet­ter­be­richt hei­ßen. Der Wet­ter­be­richt ist wich­tig. In die­sem Land ist der Wet­ter­be­richt au­ßer­or­dent­lich wich­tig. Aber den schaue ich mir schon lan­ge nicht mehr an. Man sieht ja wie das Wet­ter ist, wenn man mor­gens aus dem Fen­ster schaut. Aber die Tem­pe­ra­tur … Das ist so ei­ne Sa­che … Ich ha­be ein­mal in ei­ner Stadt ge­wohnt. Ich glau­be es war L. Strah­lend blau­er Him­mel. Man hät­te mei­nen kön­nen, im T-Shirt auf die Stra­ße … aber dann die­se Bi­se. Die Leu­te, die neu in der Stadt wa­ren, hol­ten sich ei­ne Re­f­ro­idis­se­ment, kei­ne Grip­pe, son­dern nur ei­ne Er­käl­tung. Ich ha­be mir ei­nen klei­nen Lu­xus ge­lei­stet und mir ei­nen Kaf­fee und ein Gip­fe­li in der na­he­lie­gen­den Bäcke­rei ge­kauft. Es ist sie­ben Uhr. Hier ist die Stadt noch nicht rich­tig er­wacht. Aber das Son­nen­licht bricht lang­sam durch die Baum­kro­nen und blen­det mich. Ich muss mei­ne emp­find­li­chen Au­gen mit der Son­nen­bril­le schüt­zen. Die Decke, die auf mei­nen Knien liegt, kann ich in den Ruck­sack packen. Ich bin im­mer mit mei­nem Ruck­sack un­ter­wegs. Wo sonst soll­te ich die wich­ti­gen Din­ge, die ich im­mer bei mir ha­ben muss, ver­stau­en? Frau­en, je­de Frau hat meh­re­re, ha­ben Hand­ta­schen, die wohl von Män­nern er­fun­den wor­den sind. Hand­ta­schen sind ein My­ste­ri­um. Zu­min­dest für Män­ner. Sie­ben Bän­ke ste­hen in die­sem Park. Sie­ben nicht fünf oder acht. Nein sie­ben! Ich bin kein Zah­len­my­sti­ker. Weiss Gott, nicht. Aber dass es hier aus­ge­rech­net sie­ben Bän­ke in ei­nem na­he­zu per­fekt qua­dra­tisch aus­ge­rich­te­ten Park gibt …  Nun den we­nig­sten Leu­ten fällt so et­was auf. War­um soll­te es auch? Die mei­sten ha­sten vor­bei. Wich­ti­ge­res im Sinn. Oder auch nichts. An­fangs war mir die­ses De­tail auch nicht auf­ge­fal­len. Wer zählt schon die Bän­ke in ei­nem Park? Die Bäu­me ha­be ich nie ge­zählt. Wo­zu auch? Baum ist Baum. Ich ken­ne nicht ein­mal die Na­men der Bäu­me, die hier ste­hen hier ste­hen. Da zwei oder drei der Bäu­me be­reits Früch­te tru­gen, konn­te ich sie als Ka­sta­ni­en­bäu­me iden­ti­fi­zie­ren. Den an­de­ren ha­be ich im Lau­fe der Zeit, die ich hier ver­brach­te, Na­men ge­ge­ben. Männ­li­che Na­men. Ich weiß nicht war­um. Es gibt doch schon männ­li­che und weib­li­che Bäu­me. Oder? Ich bin kein Bio­lo­ge. Je­den­falls be­gin­nen die Na­men mit P. Pe­ter, Paul, Pas­cal, Phil­ipp, Pier­re, Pa­trick und na­tür­lich heißt der größ­te und stärk­ste Pe­trus, auf den Du[1] ja Dei­ne Kir­che bau­test. Aber das ist ein an­de­res The­ma. Da mir nicht so vie­le Vor­na­men mit P ein­ge­fal­len sind, ha­be ich sie in mei­nem Kopf un­ter­schied­lich ge­schrie­ben. So gibt es ei­nen Phi­lip, ei­nen Phil­lip und ei­nen Phil­ipp. Eben­so gibt es ei­nen Paul den Er­sten, den Zwei­ten, den Drit­ten usf. Die Bän­ke ha­ben den hier üb­li­chen grü­nen Norm­an­strich. Bän­ke im Park müs­sen grün sein. Ei­ne Bank muss sich der Um­ge­bung an­pas­sen. Ei­ne ro­te Bank in ei­nem grü­nen Park wür­de stö­ren. Ich glau­be, es gibt nur grü­ne und ro­te Bän­ke in die­sem Land. Wo je­doch die ro­ten Bän­ke ste­hen, weiß ich nicht, wer­de mein Au­gen­merk je­doch dar­auf rich­ten, wenn ich das nicht ver­ges­se. Viel­leicht gibt es da ei­ne Sy­ste­ma­tik. Im Wald je­doch ste­hen oft brau­ne Bän­ke. Die Far­be Braun mag ich nicht. Brau­ne Klei­dung steht mir nicht. Braun lässt mich kränk­lich aus­se­hen. Wenn man die Zäh­ne nicht putzt, wer­den sie braun. Über Po­li­tik möch­te ich mich nicht aus­las­sen. Das ist ein an­de­res The­ma. Da­von ver­ste­he ich nichts. Und wie schon Lu­ther sag­te: Je­de Herr­schaft ist ei­ne gott­ge­woll­te. Manch­mal sieht man ei­ne wei­ße oder na­tur­holz­be­las­se­ne Bank, die na­tür­lich nicht na­tur­be­las­sen wor­den ist, son­dern nur den Ein­druck er­weckt, dass dem so sei. Es gibt Bän­ke und Ban­ken, aber das lass ich jetzt ein­fach mal so ste­hen. Aber mich wür­de schon auch noch in­ter­es­sie­ren, ob es Bän­kelän­der und/oder Banken­län­der gibt. Für mich ist S ein ty­pi­sches Ban­ken­land. Aber ei­gent­lich gibt es hier seit kur­zem nur noch ei­ne Bank. Die­se Bank stif­tet in letz­ter Zeit sehr vie­le Bän­ke. Wahr­schein­lich da­mit dar­auf dann die Män­ner und Frau­en, die Men­schen, sit­zen kön­nen, die die Bank ent­las­sen muss­te. Aber da­von ver­ste­he ich nichts. Die durch­schnitt­li­che geo­gra­fi­sche Hö­he des Plat­zes be­trägt 440 Me­ter. Ich ha­be die Bän­ke, da je­de ih­ren ei­ge­nen Cha­rak­ter hat, für mich durch­num­me­riert, d.h. nicht der astro­no­mi­schen, son­dern mei­ner per­sön­li­chen Ord­nung nach. Die größ­te Ge­mein­sam­keit der Bän­ke be­steht dar­in, dass sie al­le grün sind. Die Bän­ke eins und fünf bie­ten das gan­ze Jahr über Schat­ten und Schutz.


[1] Ich ge­he da­von aus, dass mit dem «Du» ei­ne tran­szen­den­ta­le Macht ge­meint ist – wahr­schein­lich der ka­tho­lisch-christ­li­che Gott.

Die Tau­ben zie­hen ih­re Krei­se

Ich freue mich, dass Charles Lins­may­er über mich ge­schrie­ben und mit Kaf­ka und Da­niil Charms ver­gli­chen hat.
https://www.msn.com/de-ch/nach­rich­ten/other/die-ra­che-der-tau­ben/ar-BB1igyXh

Die Ra­che der Tau­ben

Ro­man von Mi­cha­el Rei­fig

Die Rache der Tauben Buch

Die Ra­che der Tau­ben ist in der edi­ti­on how­eg er­schie­nen und für den Ro­bert Wal­ser-Preis vor­ge­schla­gen.

A*dS, Au­to­rin­nen und Au­to­ren der Schweiz.

Ich freue mich, dass ich seit ge­stern of­fi­zi­el­les A*dS, Au­to­rin­nen und Au­to­ren der Schweiz, Mit­glied bin.

Aus­zug aus dem Buch

Die Wahl zwi­schen zwei Eisaro­men oder wer die Wahl hat, hat die Qual

Wie lan­ge woll­te ich noch le­ben? Nie hat­te ich ge­dacht, so alt zu wer­den, wie ich jetzt schon war. Im­mer woll­te ich von ei­ge­ner Hand ster­ben. Aber wann war der rich­ti­ge Zeit­punkt? Mir ging es ja nicht schlecht. Aber ging es mir gut? War der jet­zi­ge Zu­stand mehr oder we­ni­ger ak­zep­ta­bel? Nein, konn­te ich ak­zep­tie­ren, wie es jetzt war? Wür­de ich in der mir noch ver­blei­ben­den Zeit mei­nes Le­bens ir­gend­et­was Er­wäh­nens­wer­tes ver­pas­sen? Was woll­te ich noch ger­ne er­le­ben? Was war mit mei­nen be­schei­de­nen fi­nan­zi­el­len Mit­teln mög­lich? Nie bin ich ein Ma­te­ria­list ge­we­sen. Aber jetzt im Al­ter? Was blieb? Ich hat­te die Frei­heit der Ent­schei­dung. Die letz­te und ein­zi­ge Frei­heit. Ich hat­te mei­ne Zu­kunft und de­ren En­de in der Hand – un­ab­hän­gig und al­lein wie ich war. Ich kam mir vor wie ein Kind in der Eis­die­le. Ich stell­te mir die Fra­ge: Wel­ches Eis woll­te ich? Bei Va­nil­le oder Scho­ko­la­de fiel mir die Wahl schwer. Bei Va­nil­le/Scho­ko­la­de oder Ba­na­ne war der Fall klar.

Le­sen Sie hier ei­nen wei­te­ren Aus­zug aus dem Buch

Über den Au­tor

Mi­cha­el Rei­fig wur­de am 21.9.1957 in Köln ge­bo­ren. Nach dem Ab­itur lei­ste­te er in Deutsch­land 18 Mo­na­te Zi­vil­dienst und stu­dier­te an­schlies­send an der Uni­ver­si­tät zu Köln Ger­ma­ni­stik, Phi­lo­so­phie und Thea­ter-, Film-Fern­seh­wis­sen­schaf­ten, um dann 1982 nach dem Ab­schluss der Zwi­schen­prü­fung in die Schweiz, Win­ter­thur, zu zie­hen.

Er setz­te sein Stu­di­um in Zü­rich fort, wid­me­te sich aber in er­ster Li­nie der Ma­le­rei und hat­te zahl­rei­che Aus­stel­lun­gen im In- und Aus­land.

En­de 1996 nahm er das Stu­di­um der Ger­ma­ni­stik und Phi­lo­so­phie wie­der auf und schloss die­ses mit dem Ma­ster­ti­tel ab.

2011 zog er nach Zü­rich, grün­de­te das Deutsch­stu­dio und ar­bei­tet seit­her selbst­stän­dig als Deutsch­trai­ner, Lek­tor, Do­zent.

Buch­merk­ma­le

Sei­ten149
Grös­se150 x 210 mm
StilFa­den­hef­tung, Klap­pen­bro­schur
Ex­em­pla­re300, si­gniert
PreisCHF 34.- / € 34.–  
ISBN978-3-85736-385-6


Zu be­zie­hen bei Edi­ti­on How­eg oder di­rekt beim Au­tor:

Edi­ti­on How­egMi­cha­el Rei­fig
Bürg­li­s­tras­se 21 Asyl­stras­se 15
8002 Zü­rich 8032 Zü­rich
+41 78 771 08 06+41 79 726 56 03
edi­ti­on_how­eg@data­comm.ch

m.rei­fig@blu­e­win.ch